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Usability-Tests und Eyetracking

Extreme Usability (XU): TechSmith's Morae im Praxiseinsatz

Update 2010: Dieser Artikel über Retrospective Thinkaloud-Methoden in Kombination mit Eyetracking ist aus dem Jahr 2006 und veraltet: Er beschreibt die Live-Integration von Eyetracking-Blickbewegungsdaten in Morae Observer mittels VNC.
Seit 2009 verfügt die Eyetracking-Lösung NYAN XT über eine eingebaute Morae-Integration: Auf Knopfdruck zeichnet Morae 3 Eyetracking-Daten aus NYAN XT auf und speichert diese automatisch in der Morae-RDG-Datei. In Morae Observer sind die Blickbewegungen synchron mit der Interaktion sichtbar und können aus Observer heraus als Video exportiert werden. In Morae Manager sind die Blickbewegungen analysier- und exportierbar.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Usability-Software Morae viele große und kleine Usability-Labs erobert. Auch in Verbindung mit einem Eyetracking-System lässt sie sich einsetzen – simultan und in Echtzeit. Dieser Beitrag beschreibt, wie das funktioniert.

TechSmith's Morae besteht aus drei Komponenten: Recorder, Remote Viewer und Manager. Morae Recorder zeichnet Nutzer-Video, Audio und Systemdaten auf (Event-Recording) und synchronisiert diese in Echtzeit. Über den Remote Viewer kann der Usability-Test live beobachtet werden. Die Aufzeichnungen stehen anschließend in Morae Manager zur Bearbeitung, Suche, Analyse und Videoproduktion zur Verfügung.

In einem gewöhnlichen Usability-Test-Setup führen bei uns drei »Usabiliteers« einen Test durch. Der Versuchsleiter betreut und interviewt den Probanden, die anderen beiden beobachten das Geschehen aus dem Kontrollraum: Während der eine Ad-hoc-Findings (»Quotes'n'Notes«) in eine webbasierte Datenbank-Applikation notiert, gibt der andere in Morae Remote Viewer Notizen und sogenannte Marker ein. Diese Marker helfen bei der späteren Analyse des Videomaterials, um direkt zu wichtigen Szenen zu springen. Oft befinden sich auch projektbeteiligte Personen wie Entwickler, Designer oder Projektmanager des Auftraggebers im Kontrollraum, die sich ebenfalls Notizen machen und kannenweise Kaffee trinken.

Total User Experience DVD

Während der Test durchgeführt wird, zeichnet Remote Viewer die komplette User Experience auf eine WMV-Datei auf – einschließlich Bildschirmvideos, Probanden-Video und -Audio als Bild-im-Bild (PiP), visualisierte Mausbewegungen und Klicks. Wenn die letzte Test-Session beendet ist, trinken die Kunden noch eine letzte Tasse Kaffee, während wir die WMV-Filme auf DVD brennen und die »Quotes'n'Notes« in PDF oder Excel exportieren. (Es dürfen natürlich auch Filme im AVI-, Quicktime MOV-, MPEG- oder DV-Format sein.)

Der Vorteil ist eindeutig: Direkt nach dem Test können Kunden erste Findings untersuchen und Videos auswerten. Und nur wenige Tage später erhalten sie einen kompletten Usability-Ergebnisreport im Common Industry Format (CIF), vollständig mit Transkription und Highlight-Videos. Wenn man nun zwei, drei Jahre zurückblickt und sich an die Zeiten erinnert, als man »Rapid Prototyping« ohne Morae anbot, schleicht sich ein leichtes Schmunzeln ins Gesicht. Heute ist »Extreme Usability« (XU).

UCEE – eine hybride Usability-Methodik

Einer der vielen großen Vorteile von Morae ist also die Möglichkeit, Ergebnisse wirklich schnell liefern und kommunizieren zu können. Aber Morae erlaubt uns auch, ganzheitliche Einblicke in die User Experience zu teilen, wenn wir zusätzlich unser Eyetracking-System und die von uns entwickelte UCEE-Methode (User/Customer Experience Eyetrack Evaluation) einsetzen.

UCEE (sprich: You see) ist eine hybride Usability-Methode, die erstmals quantitatives Eyetracking und qualitative Einzelinterviews in einer Session gemeinsam durchführt. Dies ist mit bisherigen Eyetrackern nicht komplikationslos möglich, da der Bewegungsradius des Probanden stark eingeschränkt ist (niedrige Kopfbewegungs-Toleranz). Mit modernen Eyetrackern gehört diese Einschränkung der Vergangenheit an, da Probanden ein höherer Bewegungsradius erlaubt wird und vollautomatische Kalibrationsphasen nur wenige Sekunden andauern (technische Daten: binokulares 120 MHz Highspeed-Tracking, zwei Infrarotkameras/eine pro Auge, berührungslos, Messgenauigkeit von 0.45°, Speicherung der Kalibrierungsdaten).

Kurz gesagt: Die UCEE-Methode lässt Probanden auf den Stimulus bzw. Task fokussieren, ohne laut denken zu müssen. Nach jedem »Eyetrack Walkthrough« wird das Szenario mit der Think-Aloud-Methode wiederholt, indem den Probanden das Eyetracking-Video mit den visualisierten Blickverläufen (Scanpaths) vorgespielt wird. Erfahrungsgemäß fällt es Probanden nun wesentlich leichter, über das soeben selbst erlebte Szenario zu reflektieren und die eigenen Gedankengänge in präzisere Worte zu fassen, als wenn die Methoden getrennt voneinander durchgeführt würden (vgl. auch Guan, Lee, Cuddihy, Ramey, »The Validity of the Stimulated Retrospective Think-Aloud Method as Measured by Eye Tracking«, 2006). Dies trifft insbesondere bei schüchternen und bei analytisch denkenden Testpersonen zu (vgl. auch Lewis/Mack, »Evidence from thinking aloud protocols«; Nisbett/Wilson, »Verbal Reports on Mental Processes«).

Ergebnisse zum Mitnehmen

Der komplette Durchgang wird von Morae auf Video festgehalten und komplett digital synchronisiert (incl. Probandenvideo/-audio, Mausbewegungen/-klicks, Systemevents und Eyetrack-Video). Durch den Einsatz von TechSmith's Morae entsteht hier kaum Zeitverlust: Auftraggeber können im Beobachtungsraum das Szenario live mitverfolgen – auf der Leinwand sehen sie die Bildschirmaufnahme, in der linken unteren Ecke das Probandenvideo als Bild-im-Bild, über Lautsprecher oder Kopfhörer können sie zuhören. Der Mauszeiger wird durch einen gelben Kreis hinterlegt, Klicks sind als rotes Dreieck sichtbar. Die Blickverläufe werden durch einen grünen Kreis veranschaulicht. So können die Anwesenden sowohl die Maus- als auch die Blickbewegungen nachvollziehen und alle Aussagen der Probanden verfolgen: die komplette Interaktion auf einen Blick. So ist nun auch unmittelbar sichtbar, was Probanden wirklich sehen und wahrnehmen – oder was sie ignorieren.

Einblick in die »Total User Experience«

Auch beim Setup hat Morae uns geholfen. Im Usability-Lab steht Computer A mit dem Eyetracker und einem VNC-Server neben Computer B, der mit Morae Recorder und einer Videokamera ausgestattet ist. Auf ihm läuft der VNC-Client, der mit Computer A verbunden ist. Im Kontrollraum steht Computer C mit Remote Viewer, der mit dem Morae-Computer B verbunden ist.

Vorschau

Alle Daten werden in Echtzeit synchronisiert und in den Beobachtungsraum übertragen.

Der Eyetrack-PC A überträgt alle Blickpositionen und -verläufe zusammen mit dem Bildschirminhalt auf den Morae-PC B. Dieser zeichnet alle Bildschirminhalte, System-Events und den Probanden auf Video auf. Wenn sich nun Computer C (Remote Viewer) mit dem Morae-Computer verbindet, überträgt dieser das mit allen Daten voll synchronisierte Video in den Kontrollraum (s.a. Video-Beispiel rechts).

Vorschau Vorschau

Links: Blickverlauf eines Probanden. Rechts: Blickdichteverteilung einer Probandengruppe. (Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Als relevanter Evaluationsfaktor schließt Eyetracking in Kombination mit klassischen Verfahren wie Nutzertests und Expertenanalysen zweifellos eine große Lücke im Usability-Methodenmix. Zum Beispiel werfen Web2.0, AJAX und webbasierte, dynamische Applikationen neben neuen Hypes auch neue Fragen auf, was De-facto-Standards, Konventionen und Common Sense, aber vor allem Nutzer und ihre Erlebniswelten betrifft. Unser pragmatischer Usability-Ansatz beantwortet diese drängenden Fragen.

Abseits traditioneller Methoden verlangt Usability2.0 nach nutzerzentrierten Ansätzen und Verfahren, die die Anforderungen berücksichtigen, welche neue Technologien und Produkte ihren Anwendern abverlangen. Durch sie rücken Aspekte wie Nutzerakzeptanz, Ästhetik, Spaß, Joy of Use und hedonistische Qualität stärker als je zuvor in den Vordergrund. Die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden wie UCEE berücksichtigt die Einbeziehung dieser Aspekte.

Morae beispielsweise eignet sich ideal für qualitative Nutzertests. Problematisch wird es, wenn analysiert werden soll, weshalb eine Navigation schwer verständlich war oder wie Nutzer mit besser funktionierenden Designs unterstützt werden können. An diesen Berührungspunkten ist die Kombination von Morae und einer Eyetracking-Methode wirklich sinnvoll. Und endlich praktikabel.

Nur mit Eyetracking-Methoden sind wir in der Lage, Blickbewegungen und -verläufe objektiv zu untersuchen. Typischerweise ergeben sich dabei Fragestellungen im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit oder Orientierung:

  • Wurden Elemente oder Objekte wahrgenommen?
  • Wie lange wurde ein Objekt betrachtet?
  • Welche Elemente erhielten zuerst Aufmerksamkeit?
  • Konnten Nutzer wichtige Elemente finden?
  • Welche Positionen, welche Designs funktionierten besser?
  • Was lesen Nutzer wirklich, was ignorieren sie?

Fazit

Morae revolutioniert das Usability-Lab. Usability-Testing war in technischer Hinsicht noch nie so unkompliziert und effizient, gerade in Hinsicht auf die Durchführung und Analyse der Tests und auf die Präsentation der Ergebnisse.

»Extreme Usability«: Der Einsatz von Morae spart unglaublich viel Zeit. Wenige Minuten nach Testende kann der anwesende Kunde Videos auf DVD mitnehmen und mit ersten Ergebnissen im Excel-Format arbeiten. Anschließend kann das Projekt mit den gesetzten Markern in Morae Manager geöffnet und dort weiter bearbeitet werden. Nun können die Sessions feinanalysiert und beispielhafte Videosequenzen geschnitten und editiert werden. Alles in einer Applikation.

Morae erlaubt die Entwicklung neuer, einfacherer und schnellerer Methoden. Ohne Morae würden wir heute noch immer mit Methoden und Technologien aus dem letzten Jahrhundert arbeiten müssen.

Veröffentlichung: 05/2006
Marcus Völkel